Günter Wallraff
Uhrzeit: 18.00 Uhr Ort: Stadttheater Ratingen Datum: Sonntag, 13.11.11

Informationen zur Lesereise von Günter Wallraff
„Aus der schönen neuen Welt“
Der Aufdecker, der Themen und Betroffenen treu bleibt – mit neuen Enthüllungen Kurzatmige „Enthüllungen“, nur medienwirksame Schaumschlägerei, sind Günter Wallraff ein Gräuel. Er arbeitet beharrlich, wenn er Missständen auf die Spur kommt. Aufdeckungen beschäftigen ihn stets über die Veröffentlichung hinaus! Wallraff bleibt dran. Opfer sozialer und politischer Ungerechtigkeiten, denen er während seiner Recherchen begegnet, begleitet er oft über Monate und Jahre hinweg. Seine Reportagen sind nicht nur parteilich, persönlich und verantwortungsbewusst, sondern zielen auf nachhaltige Veränderungen.

Günter Wallraffs Enthüllungen in seinem neuen Buch „Aus der schönen neuen Welt“ beinhalten erhebliche Sprengkraft. Bei seinen Veranstaltungen fordert Wallraff auch zur Kritik heraus und bietet konkrete Anregungen, Zivilcourage unter Beweis zu stellen und sich gegen gravierendes Unrecht zur Wehr zu setzen.
Deshalb unterstützt er z.B. Callcenter-Agenten, die sich von sektenähnlichen und betrügerischen Call-Unternehmen lösen. Wallraff vermittelt und finanziert Anwälte, bemüht sich um Job-Alternativen. Er trifft sich in regelmäßigen Abständen mit Beschäftigten jener Industriegroßbäckerei, die Brötchen an Lidl liefert und bei der er selbst unerkannt, überwunden geglaubte frühkapitalistische Ausbeutungsverhältnisse erlebte. Er verschaffte Obdachlosen, die er auf der Straße kennen gelernt hat, eine feste Bleibe. Und er unterstützt Menschen, die auch heute noch Opfer von „BILD“-Lügengeschichten werden - aus einem Rechtshilfefonds, den er schon vor 30 Jahren aus seinen Honoraren gründete und finanzierte. „Wallraffen“ ist in der schwedischen Sprache zum Synonym jener Art verdeckter Recherche geworden, wie Günter Wallraff sie seit mehr als 40 Jahren anwendet: verkleidet, eine andere Identität annimmt, unter anderem Namen. „Ich träume dann anders, ich bin jemand anderes, ich verliere unter dem Druck der fremden Rolle sogar manchmal meine innere Balance“, beschreibt er sich selbst. Ob als „Hans Esser“ bei der „Bild“-Zeitung, als Türke „Ali“ bei Thyssen, McDonalds oder als illegaler Bauarbeiter, ob als Obdachloser „Wolfgang“ in Nachtasylen und vor den Schreibtischen von Sachbearbeitern in Wohnungsämtern oder als Call-Agent „Michael“ im „Outbound“-Geschäft: „Erst in der unmittelbaren Nähe zum eigentlichen Geschehen, als Teil der Maschinerie, als bedrohte und gleichzeitig aktive Figur im Geschehen um Macht und Profit kann ich die Oberflächlichkeit üblicher Berichterstattung durchbrechen und Kenntnisse und Erkenntnisse hautnah an der Realität zu Tage fördern“, argumentiert der 66-jährige Journalist und Schriftsteller, der auch international bereits vielfach ausgezeichnet wurde.
Deshalb zwangen ihn Bundeswehrärzte einst in die geschlossene Psychiatrie, weil er während seiner Kriegsdienstverweigerung im Grundwehrdienst den „Kameraden“ Blumen in die Gewehrläufe gesteckt hatte. Deshalb saß er in griechischer Haft und wurde dort gefoltert und von einem Militärgericht zu 14 Monaten Haft verurteilt – nachdem er die Militärdiktatur in Athen offen und ganz persönlich angeprangert hatte. Deshalb wurde er Dutzende Male in Deutschland angeklagt und verleumdet, als seine mächtigen Gegner ihn mundtot machen wollten. Allein der Springer-Konzern zwang ihm wegen seiner „Bild“-Enthüllungen Gerichtsverfahren auf, die ihn 250.000 Mark kosteten. Doch am Ende obsiegte er in allen wichtigen Prozessen.
Günter Wallraff hat sich parteipolitisch nie gebunden und nie vereinnahmen lassen. Auch so wurde er zu einer moralischen Instanz - nicht nur für Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen und sich deshalb an ihn wenden, sondern auch für die Politik, die ihn früher als lästigen Querulanten abzustempeln versuchte. Die Frankfurter Stadtverwaltung wies zwar zunächst seine Enthüllungen über die Containerunterkünfte für Obdachlose zurück, gewann Wallraff dann aber für eine ehrenamtliche Beratung bei einem Pilotprojekt für menschenwürdige Unterkünfte. Oder das Bundesjustizministerium, das anfänglich die rechtlichen Grenzen für den Telefonverkauf aus Call-Centern für ausreichend erklärte, dann aber unter öffentlichem Druck schärfere Gesetze auf den Weg brachte. In Zeiten gefährlich steigender Arbeitslosigkeit, eines stetig wachsenden Niedriglohnsektors der „Working poor“ - Beschäftigten, die zum Leben nicht genug haben, obwohl sie 40 Stunden und mehr pro Woche arbeiten - und im Lichte einer zunehmenden Überwachung und Bespitzelung von Arbeitsplätzen und privater Kommunikation sinkt bei vielen Menschen die Bereitschaft, sich gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit zu wehren. Wallraff beobachtet, dass sich immer mehr Menschen aus Angst vor Arbeitslosigkeit mit dieser „schönen neuen Arbeitswelt“ auf Gedeih und Verderb identifizieren müssen. Eines der größten Callcenter, die Tectum-AG, veranstaltete etwa im Juli 2009 eine Kundgebung gegen die Gewerkschaft Verdi. Verdi hatte zuvor Ausbeutung und Arbeitsbedingungen von Tectum öffentlich angeprangert. In Bussen, die das Unternehmen gechartert hatte, ließen sich daraufhin 400 Beschäftigte zu einem firmenbezahlten „Betriebsausflug“ nach Bochum karren. Dort verlasen sie Ergebenheitsadressen an ihren Chef. „Ich spüre eine große Dankbarkeit gegenüber unserem Geschäftsführer, weil er in dieser wirtschaftlichen Krise einen sicheren Arbeitsplatz für mich vermittelt“, erklärte einer von ihnen unter dem Beifall seiner Kollegen. Dabei hatte dieser Chef gerade mit der Schließung seiner Betriebe gedroht, wenn im Betrieb nicht endlich Ruhe herrsche. Allein in den vergangenen 18 Monaten kam es gegen Tectum zu 27 Verfahren vor Arbeitsgerichten.
Niemand pfiff, als der „glückliche Call-Agent“ mit seinen Lobhudeleien die „super Personaleinsatzplanung“ besang, die „besonnene Qualitätsbeauftragte“, die „tollen Trainer“, den „Bereichsleiter vom Feinsten“, die „einfühlsame Teamleiterin“ und einen „Standortleiter, der meine Loyalität in unermessliche Höhen pusht“. Das bildet im Sinne von Aldous Huxleys bedrohliche Zukunftsvision, die in vielen Bereichen unserer Gesellschaft bereits Realität geworden ist, die „schöne neue Welt“ in einem „modernen“ Unternehmen ab. Günter Wallraff berichtet in seinem neuen Buch nicht nur über die erweiterten undercover-Erfahrungen, die in den letzten zweieinhalb Jahren im Zeit-magazin (aus Platz-gründen stark gekürzt) veröffentlicht wurden. Zusätzliche Enthüllungen mit erheblicher Sprengkraft sind dazu gekommen. Sie sollen helfen, die Ausbreitung der „schönen neuen Arbeitswelt“ zu stoppen. Denn Wallraffs Traum lebt: der von einer anderen Welt, die möglich ist: menschwürdig und solidarisch gegen die nackte Gier, gegen Gewalt und gegen das brutale Recht des Stärkeren!
Neuerscheinung: „Aus der schönen neuen Welt“
15.Oktober zur Frankfurter Buchmesse. Parallel dazu Start eines Kinofilms. Im Dezember ZDF-Reportage.
Günter Wallraff - Kurzbiografie
Günter Wallraff wird 1942 in Burscheid bei Köln geboren. Nach einer Buchhändlerlehre arbeitet er in deutschen Industriebetrieben, um in Reportagen für Gewerkschaftszeitungen die „alltägliche Hölle der Produktion“ zu beschreiben. 1974 kettet er sich in Athen an einen Lichtmast, um gegen die Militärdiktatur und für die Freilassung aller politischen Gefangenen zu demonstrieren. Die griechische Polizei nimmt Wallraff fest. Er wird gefoltert und von einem Militärgericht zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Getarnt als Bild-Reporter Hans Esser deckt er 1977 die brutalen Recherchemethoden des Springer-Blattes auf. Seine Enthüllungen veröffentlicht er in dem Buch „Der Aufmacher“ – für ihn ein internationaler Erfolg als Undercover-Journalist. Der Springer-Konzern beginnt einen erbitterten Rechtsstreit gegen Wallraffs Undercovertätigkeit. 1984 spricht der Bundesgerichtshof ein Grundsatzurteil und rechtfertigt dessen Recherchemethode. Begründung: Er habe Missstände aufgedeckt, die für die Öffentlichkeit von erheblichem Interesse seien. Im Fall von Bild habe Wallraffs Undercovertätigkeit dazu beigetragen, „Fehlentwicklungen im Journalismus“ aufzuzeigen.
1983 lebt Günter Wallraff zwei Jahre lang als türkischer Gastarbeiter Ali in Deutschland, arbeitet u.a. für Thyssen und McDonalds und erfährt, was es heißt, diskriminiert zu werden. Der in 35 Sprachen übersetzte Bestseller „Ganz unten“ berichtet von diesen Erfahrungen. Im Mai 2007 kehrt Wallraff nach jahrelanger Pause als „Reporter mit der Tarnkappe“ zurück – und recherchiert verdeckt in Callcentern und in einer Backfabrik, die die Supermarktkette Lidl beliefert.
Günter Wallraff lebt heute in Köln. Er ist verheiratet und hat fünf Töchter.
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